Willkommen bei der IG Metall

IG Metall: die Gewerkschaft in der ITK
Die Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche (ITK) gehört zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Seit mehr als 40 Jahren gestaltet die IG Metall mit den Beschäftigten aktiv die Arbeitsbedingungen in der Branche mit. In nahezu allen ITK-Unternehmen engagieren sich unsere Mitglieder für sichere Arbeitsplätze, Gute Arbeit und gerechte Einkommen. In großen und in kleinen Betrieben stehen wir den Beschäftigten kompetent zur Seite, beraten und informieren sie. Unsere Tarifverträge und Entgeltanalysen wirken weit in die Branche.

ITK-Sektor - Technik, Sicherheit & Umwelt

Künstliche Intelligenz : Schlaue neue Bürowelt

03.05.2018 | Künstliche Intelligenz erobert die Büroräume. Schon heute übernehmen digitale Assistenten einen Teil der Arbeit. Arbeitsorganisation und Tätigkeitsprofile ändern sich grundlegend. Was bedeutet das für die Beschäftigten? Dieser Frage geht ein Forschungsprojekt nach, an dem sich die IG Metall beteiligt.

„Hallo Alexa, koordiniere eine Telefonkonferenz mit Herrn Detmeier und Frau Heide für übermorgen.“ „Cortana, welche Termine habe ich heute?“ „Siri, schreibe eine E-Mail an Frau Weber.“

Digitale Assistenten sind schwer im Kommen. Amazons Alexa, Apples Siri oder Microsofts Cortana werden immer schlauer und sind im Büro von morgen nicht mehr wegzudenken. Marktführer Amazon hat bereits im vergangenen Jahr die „Alexa for Business“ – Plattform präsentiert. Ein Partner ist die deutsche Unternehmenssoftwareschmiede SAP. Die Walldorfer arbeiten an einem Skill – eine Art App für die Alexa-Plattform – für ein internes Reisemanagement- und Reisekostenabrechnungs-Tool, das komplett mit Sprachbefehlen gesteuert wird.

Diese von Künstlicher Intelligenz, kurz KI, gesteuerten digitalen Assistenten kommunizieren direkt mit den Büroarbeitern und kennen deren Eigenarten und Vorlieben. Experten sind sich sicher: Digitale Assistenten werden ihren Funktionsumfang erweitern und die Kommunikation von und im Unternehmen grundlegend verändern. Die Zahl ihrer Nutzer wird von 145,2 Millionen weltweit im Jahr 2017 bis zum Jahr 2025 auf über eine Milliarde ansteigen, sagt das Marktforschungsinstitut Tractica.

Die Nutzung von digitalen Assistenten ist freilich nur ein erster Schritt hin zu einem völlig neuen Büroalltag. Tastaturen werden verschwinden, Chatbots übernehmen die Kundenkommunikation und Vertragsdokumente werden mithilfe von Blockchain-Technologien gesichert. Menschliche Fachleute müssen nur noch im Zweifelsfall eingreifen, so die Vision.

Schöne neue Welt. Und der Mensch? Werden wir alle irgendwann überflüssig? „Nein, das sicher nicht“, sagt Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, „aber zweifelsohne wird Künstliche Intelligenz die Unternehmen tiefgreifend verändern.“ Und damit auch die Art, wie wir arbeiten und unter welchen Bedingungen, ergänzt sie. Deshalb, erklärt Benner, „bekommt das Thema für uns als Gewerkschaft und für die Betriebsräte in den Unternehmen eine zunehmende Bedeutung“. Mag sein, dass nicht gleich ganze Berufe von der Bildfläche verschwinden – aber die Tätigkeiten verändern sich grundlegend. Das sehen auch die beiden Volkswirte Carsten Brzeski und Inga Burk so: Der Wandel trifft Arbeitsplätze im Bereich Bürokräfte und verändert Berufe mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent, sagen sie in einer Untersuchung von 2015. „Die Herausforderung wird es sein, eine neue Tätigkeitsbeschreibung für die bestehenden Arbeitsfelder zu entwickeln und dafür das nötige Know-how und die Weiterbildung sicherzustellen“, sagt die Zweite IG Metall-Vorsitzende.

Wie genau das geht, was nötig ist, was Betriebsräte und was Beschäftigte brauchen – das will die IG Metall in einem neuen Projekt erarbeiten. Dort arbeitet die Gewerkschaft in einem Verbund unter anderem mit Wissenschaftlern, Unternehmen und Verbänden zusammen. Der Projektverbund trägt den Titel „SmartAIwork“. Die Großbuchstaben AI stehen für Artificial Intelligence.
Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), geleitet wird es vom renommierten Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Drei Fragen wollen die Forscher in Zusammenarbeit mit der IG Metall und den anderen Projektbeteiligten zunächst beantworten:

  • Wie ist der Stand der technologischen Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz?
  • Wie verändert Künstliche Intelligenz die qualifizierten Arbeitsplätze im Büro?
  • Wie verändern sich die Arbeitsabläufe?

Für die IG Metall und ihre Betriebsräte ist das Thema nicht neu – jedenfalls in der Produktion. Dort, in den Fertigungshallen der Industrie, hat die Digitalisierung und Automatisierung längst Einzug gehalten. Beim Umstieg auf Industrie 4.0 konnten die Betriebsräte bereits ihr Wissen einbringen. „Viele Betriebsräte kennen sich gut aus in der Produktion“, erklärt Antje Utecht, für die IG Metall verantwortlich im Projekt SmartAIwork. „Wenn sich Arbeitsabläufe ändern, wissen sie schnell, was das für die Beschäftigten bedeutet.“

Im Bürobereich steht der nächste große Schub der Digitalisierung erst noch bevor – und auch für die betrieblichen Interessenvertreter tut sich Neuland auf. „Die Herausforderung durch die neuen Technologien stellt sich im Bürobereich diffiziler und vielschichtiger dar, weil Wissen und Kreativität nicht direkt messbar sind“, erläutert Utecht weiter.

Werkzeugkasten für Betriebsräte
Damit Betriebsräte wissen, wie sie den Wandel gestalten, „benötigen sie eine Toolbox, um die Veränderungen im Bürobereich zu erkennen“, so Utecht. Und genau diese Toolbox, dieser Werkzeugkasten, soll im Rahmen des Projekts entwickelt werden.

Ein erster Schritt wird sein, die verschiedenen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz zu klassifizieren. Denn Künstliche Intelligenz bezeichnet verschiedene Technologiefelder, die zum Großteil auf künstlichen neuronalen Netzen basieren, die Grundlage für das sogenannte „Maschinelle Lernen“ sind. Maschinelles Lernen bezeichnet ein Verfahren, bei denen Computer-Algorithmen aus Daten lernen, beispielsweise Muster erkennen, ohne dass jeder Einzelfall explizit programmiert wurde. Und das ist der große Unterschied zu klassischen IT-Systemen: Auf Künstlicher Intelligenz basierende Systeme lernen selber und müssen nicht immer neu programmiert und angepasst werden.

Innerhalb des Gesamtprojekts verantwortet die IG Metall den Teil „Digitalisierungsstrategien im Office-Bereich“. Diese Strategien erforschen und entwickeln die Beteiligten des Projekts in Pilotbetrieben. Dort trifft dann Forschung auf praktische Anwendung.

Ein Pilotbetrieb innerhalb des Projektkonsortiums ist die Präzisionsoptik Gera GmbH, kurz POG. Das mittelständische Unternehmen aus Thüringen fertigt mit 160 Mitarbeitern Linsen und optische Systeme für die Halbleiterindustrie, die Medizin- und Messtechnik und die Raumfahrt. „Wir exportieren von Norwegen bis Südafrika“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Doris Schramm, die schon seit der Gründung 1992 beim Optikspezialisten im Verkauf arbeitet.

Die Herausforderung bei POG ist die komplexe Auftragsbearbeitung. Das Unternehmen bietet seinen Kunden alles von der Einzelfertigung über die Kleinserie bis zu größeren Serien. Dadurch ist die Auftragsbearbeitung komplex geworden und die Effizienz gesunken. Schramm erzählt von den Veränderungen im Verkauf: „In den Anfangsjahren habe ich einen Lieferschein und eine Rechnung geschrieben, dann war der Auftrag erledigt. Heute wünscht der Kunde einen Lieferschein, ein Qualitätszertifikat oder Messwerte, dann müssen wir das verwendete Material dokumentieren und eine Beschichtungskurve erstellen.“

Rund 50 Prozent der Produkte des Unternehmens gehen in den Export. Das Unternehmen muss dann das Bundesamt für Außenwirtschaft befragen, die Zollabwicklung mit Nachweisen vorbereiten und nachweisen, dass die Ware Deutschland verlassen hat. „Dann kommen noch die individuellen Wünsche zur Verpackung hinzu“, erklärt Betriebsratsvorsitzende Schramm. „Das sind heute ganz andere Anforderungen für unsere Mitarbeiter im Verkauf.“ Die Projektbeteiligten wollen Wege aufzeigen, wie die Auftragsbearbeitung bei POG mithilfe von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz effektiver gestaltet werden kann – zum Wohle des Unternehmens, der Kunden, aber auch der Beschäftigten.

Schramm ist optimistisch, dass die Geschäftsleitung die Beschäftigten im Umbruch hin zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz mitnimmt. Das Unternehmen sei offen und informiere die Belegschaft regelmäßig. Die gleiche Wahrnehmung hat auch Matthias Beer, IG Metall-Geschäftsstellenleiter für Jena/Gera und Betriebsbetreuer für POG. „Die Mitarbeiter sind hoch motiviert. Das ist ein Erfolgsfaktor des Mittelständlers“, sagt er. „Der Aufwand, den die Geschäftsführung aktuell treibt, wird die Beschäftigung sichern und die Arbeit einfacher gestalten. Ich sehe das positiv und nicht als Gefahr.“

Die Erfahrungen, die die Beschäftigten in den Pilotbetrieben mit auf Künstlicher Intelligenz basierten Anwendungen machen, will die IG Metall mit Hilfe von SmartAIwork sammeln, bündeln und strukturieren – und darauf achten, dass die Stimme der Beschäftigten gehört wird. In Workshops werden dann die Erfahrungen anderen Betriebsräten vermittelt.

Deutlich werde jetzt schon, sagt Christiane Benner, dass lebenslanges Lernen und Weiterbildung zukünftig für die Beschäftigten immer wichtiger werden. „Wir stellen uns eine entscheidende Frage: Wie kann sichergestellt werden, dass die letzte Entscheidung bei der Nutzung von Technologien der Künstlichen Intelligenz beim Menschen liegt?“ Die menschliche Arbeit könne auch zukünftig nicht ersetzt, sondern lediglich angereichert werden. „Routinetätigkeiten werden zukünftig von der Künstlichen Intelligenz ausgeführt – das Wertige, das Beratende, das Interaktive, das Kreative macht aber nach wie vor der Mensch.“

Betriebsrätin Schramm sieht das ähnlich: „In unserem Entwicklungsbereich wird auch zukünftig die Kreativität des einzelnen Mitarbeiters gebraucht, wenn Kunden ihre individuellen Wünsche formulieren.“