Willkommen bei der IG Metall

IG Metall: die Gewerkschaft in der ITK
Die Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche (ITK) gehört zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Seit mehr als 40 Jahren gestaltet die IG Metall mit den Beschäftigten aktiv die Arbeitsbedingungen in der Branche mit. In nahezu allen ITK-Unternehmen engagieren sich unsere Mitglieder für sichere Arbeitsplätze, Gute Arbeit und gerechte Einkommen. In großen und in kleinen Betrieben stehen wir den Beschäftigten kompetent zur Seite, beraten und informieren sie. Unsere Tarifverträge und Entgeltanalysen wirken weit in die Branche.

ITK-Sektor - ITK-Arbeitsmarkt

Interview mit Christiane Benner: „In den Unternehmen geht einiges durcheinander“

03.05.2018 | Wie sich Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, die IT-Arbeitswelt von morgen vorstellt – und was Digitalisierung mit Tanztheater zu tun hat.

Christiane Benner

Christiane, Stichwort Digitalisierung: Ist sie Fluch oder Segen?
Klare Frage, klare Antwort: Sie kann beides sein (lacht). Ich drücke es mal anders aus: Es kommt drauf an, was man daraus macht.

Und was machen die Unternehmen daraus?
Ich habe das Gefühl, dass in den Unternehmen momentan einiges durcheinandergeht. Keiner will den Zug verpassen, alle reden von der Digitalisierung, in vielen Bereichen hält sie längst Einzug, da werden Fakten geschaffen – aber wie man den Prozess richtig steuert, das weiß dann keiner so genau. Nicht selten zahlen die Beschäftigten am Ende die Zeche.

Ein Beispiel, bitte.
Nehmen wir die sogenannten Self-Service-Systeme. Sämtliche Beschäftigten im IT- und Engeneering-Bereich sind davon mittlerweile betroffen. Da werden Aufgaben an die Beschäftigten übertragen, die früher von eigenen internen Dienstleistungsbereichen übernommen wurden. Das läuft nach dem Motto: Die Digitalisierung macht’s möglich, jetzt kann jeder seine Reisekostenabrechnung selber in das System eintragen. Und am Ende findet sich der Einzelne vor einer Bildschirmmaske wieder, die kompliziert und umständlich funktioniert. Null Usability. Das sind echte Zeitfresser, und die zusätzliche Arbeitsbelastung nervt. In den Betrieben ist das ein großes Thema.

Die Leute regt das auf?
Ja, und das völlig zu Recht. Denn so wird Digitalisierung ad absurdum geführt. Digitale Prozesse sollen doch dazu dienen, die Arbeit zu erleichtern. Nervende Routinearbeiten darf gerne der Computer übernehmen. Dann bleibt mehr Platz für die eigentliche Arbeit, für Kreativität und neue Ideen. Wenn man Digitalisierung so versteht und umsetzt, dann kann sie zum Segen werden. Wenn man die Leute stattdessen mit umständlichen neuen Aufgaben nervt, geht der Schuss nach hinten los.

Was ist also zu tun?
Um bei dem Beispiel zu bleiben: Die betroffenen Beschäftigten müssen schon früher einbezogen werden, beim Design der Software für diese Self-Service-Systme sollten sie mitreden, von Anfang an. Für mich ist das ohnehin das Erfolgsmodell einer gelungenen Digitalisierung. Sie wird nur Erfolg haben durch Beteiligung, Mitsprache und Mitbestimmung. Das Ganze wird nicht funktionieren, wenn man die Beschäftigten nicht mitnimmt.

Und daran mangelt es?
Ja. Nehmen wir ein anderes Beispiel: das agile Arbeiten. Da erleben wir in der Branche gerade eine richtige Welle. Alle reden vom agilen Arbeiten. Das hört sich ja auch erstmal gut an: Agil bedeutet, flexibel zu arbeiten. Die Teams organisieren sich selbst. Wenn das zu mehr Selbstbestimmung der Beschäftigten führt, kann ich das nur begrüßen. Aber oft genug wird das agile Arbeiten einfach von oben verordnet und nicht vernünftig eingeführt. Das ist so, als würde ich zum Deutschen Fernsehballett gehen und einfach verkünden: Guten Morgen, ab jetzt macht Ihr bitte freies Improvisationstanzen. Das funktioniert so nicht. Die Leute müssen qualifiziert werden, die Projekte brauchen ausreichend Personal und Zeit, und die Führungskräfte müssen ihre Angst vor Kontrollverlust verlieren.

Was wäre eine Lösung?
Bei Daimler zum Beispiel haben wir eine wegweisende Betriebsvereinbarung zum Arbeiten im Schwarm. Darin sind ein paar Grundsätze festgelegt, zum Beispiel: Jeder darf mitmachen, keiner muss. Wer im Schwarm oder in einem Inkubator arbeitet, ist von seiner Funktion in der Linie freigestellt. Auch bei Continental gibt es eine Konzernbetriebsvereinbarung zu dem Thema. Sie schreibt vor: Wer agil arbeiten soll, muss vorher ausreichend geschult werden.

Klingt doch vernünftig. Warum tun sich die Unternehmen so schwer?
Ehrlich gesagt: Ich verstehe es auch nicht. Da kommen dann Vorbehalte, die durch nichts zu begründen sind. Da heißt es: Mitbestimmung, das passt nicht zur Digitalisierung. Am liebsten würden viele Unternehmen die Digitalisierung ohne Tarifverträge und ohne Betriebsräte organisieren. Ich kann nur sagen: Sorry, das ist Quatsch, das könnt Ihr vergessen! Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir brauchen mehr Mitbestimmung, wenn wir die Digitalisierung meistern wollen. Das wird deutlich, wenn man einen Blick auf das
Gesamtbild wirft.

Wie meinst Du das?
Der Wirtschaftsinformatiker Professor Leimeister hat auf der jüngsten IT- und Engineeringtagung der IG Metall sehr anschaulich und wissenschaftlich fundiert dargestellt, wie groß die Herausforderungen für die Unternehmen sind (siehe: Das Leimeister-Modell). Sie müssen sich in drei Richtungen gleichzeitig bewegen: Einerseits digitalisieren sie ihre eigenen Prozesse und die mit anderen Unternehmen, zum Beispiel Zulieferern. Das allein wäre schon Herausforderung genug. Andererseits müssen sie stärker vom Nutzer her denken, so wie die großen neuen Player aus dem Silicon Valley es vormachen, Facebook, Google und wie sie alle heißen. Das ist ein ganz anderes Wirtschaften, da geht es um Nutzerverhalten, um den Umgang mit Daten, um Apps. Und schließlich wollen sie sogenannte smarte Produkte und Dienstleistungen anbieten, also zum Beispiel eine Waschmaschine, die mit dem eigenen Handy kommuniziert und sich über Computeranwendungen steuern lässt. Das alles zusammen sind völlig neue Aufgaben, völlig neue Geschäftsfelder. Und die verlangen auch eine völlig neue Arbeitsorganisation.

Dein Fazit?
Wir können die Digitalisierung stemmen. Aber nur mit den Beschäftigten, und nicht gegen sie. Wir brauchen Qualifizierung, Qualifizierung, Qualifizierung. Die Beschäftigten müssen die Ressourcen, die sie für neue Aufgaben oder Arbeitsmethoden brauchen, auch wirklich bekommen. Wir müssen die alte und die neue Unternehmenswelt zueinander bringen. Wenn uns das gelingt, bin ich sehr optimistisch.

Zum Schluss noch mal die Frage: Fluch oder Segen?
Die Digitalisierung gibt uns eine Riesenchance, die Arbeitswelt von morgen zu gestalten. Modern, effizient, menschenfreundlich, sauber, ökologisch, kreativ und mit guten Arbeitsbedingungen – das geht.

Bilder