Arbeit & Beruf

Innovationen

Arbeit & Beruf - Innovationen

6. Engineering- und IT-Tagung der Hans-Böckler-Stiftung und IG Metall 2014: Die digitale Arbeitswelt gestalten

11.11.2014 | Die fortschreitende Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft ist dabei, die Arbeitswelt gründlich zu verändern. Neue Formen der Arbeit wie Crowdworking und Clickworking lassen bereits aufhorchen. Die IG Metall wird sich in diesem Umbruchprozess nicht mit einer Zuschauerrolle begnügen. Sie will die digitale Arbeitswelt mitgestalten. Wie dies in den Unternehmen am besten geschehen kann, stand im Mittelpunkt der sechsten Engineering- und IT-Tagung der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall vom 9. bis 11. September 2014 in Rüsselsheim.

6. Engineeringtagung

Wieder einmal hatten die Hans-Böckler-Stiftung und die IG Metall für ihre gemeinsame, jährlich stattfindende Engineering- und IT-Tagung einen großartigen Rahmen gefunden: eine leergeräumte Produktionshalle bei Opel in Rüsselsheim. Dahinter steckte mehr als die Idee, den rund 400 Ingenieuren und technischen Experten aus 150 Unternehmen eine ungewöhnliche „location” zu bieten.

Opel befindet sich nach einer tiefen Krise mitten im Umbruch und auf der Zielgraden in eine neue Zukunft: Die Industrie 4.0 zeigt hier bereits deutlich Gesicht. Die von den Opelanern gewährten Einblicke in die realen Visionen und gelebte Praxis – insbesondere während der Betriebsbesichtigungen am letzten Tag – einer zunehmend digital unterstützen Automobilproduktion, gaben der Tagung eine gute Bodenhaftung. So setzte sich selbst bei den Ausblicken in eine noch entfernte digitalisierte Arbeitswelt die Erkenntnis durch: Diese beginnt hier, heute und mit jedem konkreten Schritt.

„Wir sind mitten drin”, stellte Detlef Wetzel, Erster Vorsitzender der IG Metall, bereits am Vorabend der Tagung fest. „Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist keine Zukunftsmusik. Sie findet bereits in den Kernbereichen unserer Unternehmen statt.” Er verwies auf aktuelle Trends, die sich hier bereits beobachten lassen: Crowdsourcing, mobiles Arbeiten und die Digitalisierung von Mitarbeiterprofilen. Doch vor allem bewegte ihn die Frage, wie eine gewerkschaftliche Perspektive in einer Arbeitswelt aussehen kann, die vermehrt aus visualisierten, digitalisierten Wertschöpfungssystemen besteht.

Agenda für die Zukunft der Arbeit
Daran mitzuwirken, die digitale Arbeit – gemeinsam mit den Beschäftigten – positiv, nachhaltig und ethisch zu gestalten, sei für die IG Metall eine zentrale Herausforderung der Gegenwart und Zukunft, so Wetzel.

Er forderte eine solide Technikfolgenabschätzung von Digitalisierung und Industrie 4.0 sowie eine Digitale Agenda der Bundesregierung, die grundlegende Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt berücksichtige. Diese dürfe nicht bei Fragen der Infrastruktur und den technologischen Voraussetzungen für den Erhalt der Konkurrenzfähigkeit stehen bleiben. „Eine Digitalisierungsagenda muss immer auch eine Agenda für die Arbeit der Zukunft sein”, betonte der IG Metall-Vorsitzende. Daher müssten stärkere Impulse für gute Arbeit und Qualifizierung her. Eine solche Agenda müsse mit den Sozialpartnern weiterentwickelt werden. Dabei gehe es insbesondere um einen umfassenden Beschäftigtendatenschutz, angepasste soziale Sicherungssysteme sowie um Arbeitsschutz- und Mitbestimmungsrechte bei mobiler Arbeit.

Die digitale Arbeitswelt, so Wetzel, müsse stärker reguliert werden, damit es zu einem möglichst fairen Ausgleich von Interessen und nicht zu sozialem Rückschritt komme. Mit Blick auf die heimische ITK-Industrie forderte er eine industriepolitische Entwicklungsstrategie, um Deutschland als Exportnation zu einem Leitmarkt für digitale Produkte und Dienstleistungen auszubauen.

Darüber, wie weit die Digitalisierung im Produktionsalltag bei Opel bereits fortgeschritten ist, informierte Ulrich Schumacher, Vorstand Personal und Arbeitsdirektor Adam Opel AG, in seinem Grußwort. Der „Adam” sei der Prototyp eines neuen, auf digitaler Kommunikation und Vernetzung basierenden Schaffungsprozesses. Wolfgang Schäfer-Klug, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Adam Opel AG, verbindet mit dem Entwicklungsprojekt „Adam” jedoch weit mehr als einen technologischen Sprung. Er verwies auf den erfolgreichen Kampf der Belegschaft um den Erhalt von Arbeitsplätzen, der den „Adam” überhaupt auf den Weg brachte. „Wichtigstes Kennzeichen ist bei diesem Modell das Ineinandergreifen von technischer und Mitbestimmungskompetenz – und noch dazu an verschiedenen Fertigungsstätten, nämlich Rüsselsheim und Eisenach”, hob Schäfer-Klug hervor. Allerdings beschrieb er auch die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, wenn etwa KVP-Prozesse in den Angestellten- und Engineeringbereich einziehen, zunehmend höhere Anforderungen an den Datenschutz erforderlich werden und sich die digitale Arbeit verstärkt an den Bedürfnissen der Beschäftigten ausrichten soll. „Uns geht es darum, neue Wege für mehr individuelle Flexibilität zu finden und die digitale Arbeitswelt intelligent auszugestalten.”

Die Tagung spannte inhaltlich einen weiten Bogen: von Fragen der Nachhaltigkeit bei der Fertigung von Hightech-Produkten über bereits sichtbare Trends einer Industrie 4.0, gewerkschaftlichen Leitlinien für gute digitale Arbeit und betrieblichen Beispielen, um neue Formen des mobilen Arbeitens zu regulieren, bis hin zu gesellschaftspolitischen Aspekten beim Thema „Freiheit und Selbstbestimmung in einer digitalisierten Welt”.

Wie in den vergangenen Jahren führte die WDR-Moderatorin Judith Schulte-Loh auch diesmal kompetent und engagiert durch das Tagungsprogramm. Ihr ist es auch wesentlich zu verdanken, dass sich viele Teilnehmende im wahrsten Sinne des Wortes angesprochen fühlten, ihre Meinung in die Diskussionen einzubringen.

Dass diese Veranstaltung mit hochkarätigen Referenten, kompetenten Experten und erfahrenen Praktikern an einem außergewöhnlichen Tagungsort und in besonderem Rahmen mit dieser sechsten Engineering und IT-Tagung inzwischen „Tradition” mit Fortsetzungscharakter hat, zeigt den hohen Stellenwert, den die IG Metall den Adressaten – Ingenieuren und IT-Experten – für ihre gewerkschaftliche und betrieb-liche Arbeit beimisst.

Weitere Beiträge zur Tagung

Digitalisierung, Arbeit, Beschäftigung

Eine andere digitale Welt ist möglich!

digit-DL: Gemeinschaftsprojekt angelaufen

Interview mit dem Publizisten Evgeny Morozov, Harvard University, Cambridge/USA

Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt konkret

Weitere Infos zur Tagung

Lesen Sie dazu auch

Bilder

  • 6.