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Eine andere digitale Welt ist möglich!

11.11.2014 | Computer, Smartphone – und nun auch noch iwatch, e-cars, smart grids sowie Sensoren an Küchengeräten und Kleidung: Die Menschen sind umgeben von Werkzeugen, die alle nur denkbaren Daten von ihnen digital erfassen, auswerten, weiterleiten – in der Arbeit und in ihrem Privatleben. Um ihnen die Hoheit über ihre Daten zu sichern und Datenmissbrauch zu verhindern, bedarf es klarer Spielregeln. Die IG Metall hat mit ihren „Leitlinien für gute digitale Arbeit” einen wichtigen Grundstein für eine öffentliche Debatte und Verhandlungen mit Politik und Wirtschaft gelegt.

Christiane Benner

Die digitale Zukunft mit Zuversicht angehen: Diese Botschaft gab Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, den Tagungsteilnehmenden auf den Weg. In einer Situation, in der sich Digitalisierung und Globalisierung gegenseitig befeuerten, sei der Erfindergeist und die Gestaltungskraft der Menschen gefragt. Gemeinsam gelte es, positive Lösungen zu erreichen: gesellschaftlicher Wohlstand, mehr Demokratie und gute Arbeit für alle. „Hier sitzen 400 Beschäftigte aus über 150 Unternehmen, Ingenieure, ITler, Studierende. Es ist doch legitim und unsere Aufgabe, dass wir uns Gedanken machen!”

Für die Metallerin steht außer Frage, dass es in der neuen digitalen Welt gute digitale Arbeit geben wird. Wie diese aussehen kann, malte sie in ihren „Leitlinien für gute digitale Arbeit” aus. Ihr wichtigster Grundsatz: „Es muss Arbeit für alle geben! Persönlichkeitsschutz und Souveränität für alle Beschäftigten – auch für Clickworker!”

Das Gegenteil von guter Arbeit ist für die
IG Metall eine „Amazonisierung” der Arbeitswelt, in der Clickworker und Crowdworker auf Internetplattformen hochspezialisierte Wissensarbeit unter unwürdigen Bedingungen leisten. Die Vorboten sieht sie in Haltungssensoren und Datenbrillen, die Arbeitsabläufe und Körperhaltungen von Beschäftigen überwachen und auswerten sowie in softwaregestützten Managementsysteme, die in der Lage sind zu analysieren, wie brav und leistungsbereit die Belegschaft ist oder die dabei helfen, möglichst loyale Bewerber zu finden. Von einer solchen digitalen Arbeitswelt, die nur darauf setzt, die Produktivität voranzutreiben, grenzt sich die Gewerkschaft mit ihren „Leitlinien” deutlich ab.

Polarisierung verhindern
Gute digitale Arbeit heißt für die IG Metall, dass Beschäftigte sich beruflich weiterentwickeln können und fair bezahlt werden. Als wichtige gewerkschaftliche Zukunftsaufgabe betrachtet es Christiane Benner daher, einer fortschreitenden Polarisierung der Arbeit rechtzeitig zu begegnen. Nach dem Expertenpapier „Arbeit in der digitalen Welt” des Münchner Kreises (www.muenchner-kreis.de) – einem Expertengremium aus Wirtschaft und Wissenschaft, das sich mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt – sei zu befürchten, dass die Digita-lisierung viele Tätigkeiten im mittleren Qualifikations- und Entgeltbereich überflüssig machen könnte. Dieser Trend würde nicht nur Arbeitsplätze gefährden, sondern gleichzeitig die Beschäftigten entsolidarisieren und schwächen.

Schon jetzt würden Betriebe und Belegschaften durch Missbrauch von Werkverträgen zergliedert und die Arbeit vielfach völlig unterschiedlich geregelt, so die Metallerin. Diese Auslagerungsstrategien, die inzwischen auch in der steigenden Zahl von Crowdworkern sichtbar würden, gelte es einzudämmen. „Einen solchen Ausverkauf der Arbeit machen wir nicht mit”, betonte die Gewerkschafterin.

Nicht einmal Hochqualifizierte seien gegenwärtig vor einer unsicheren Arbeitssituation geschützt, wie das Beispiel IBM zeige. Christiane Benner wertete es jedoch als wichtigen Schritt, dass es zumindest in Deutschland gelang, das in der Anwendungsentwicklung eingeführte Liquid-Tool zu entschärfen. Es habe den Beschäftigten eine ständige „Downgrading-Angst” beschert. Auch künftig werde die IG Metall sich gegen Bestrebungen zur Wehr setzen, das Internet in eine rechtsfreie Cloud zu verwandeln, worin sich Arbeitnehmerrechte in Luft auflösten.

Gute Arbeit in einer digitalen Welt schließt aus Sicht der IG Metall auch ein, Ressourcen zu schonen und den Blick auf die Produktionsbedingungen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu richten. Dieses Thema will die Gewerkschaft deshalb in den Betrieben verstärkt angehen. Es geht dabei um Fragen wie: Welche Rohstoffe fallen an, und wie werden sie gewonnen? Werden sie fair gehandelt und sparsam eingesetzt? Was geschieht mit Produkten, wenn ihr Verfallsdatum abgelaufen ist?

Arbeit und Leben miteinander vereinbaren zu können – auch dies ist eines der großen Anliegen der IG Metall in einer digitalen Arbeitswelt. Die erweiterten Flexibilisierungsräume, die die Digitalisierung ermögliche, müssten stärker für die Beschäftigten genutzt werden, betonte Christiane Benner. „Wir müssen Flexibilisierung in unserem Sinne umdeuten. Eine Verfügungs-Flatrate ist mit uns nicht zu buchen!” Beschäftigte brauchten ein Recht, ab- und nach Hochphasen wieder zurückzuschalten. Vorgesetzte müssten lernen, die Präsenzkultur durch eine Vertrauenskultur – nicht Vertrauensarbeit! – zu ersetzen.

Nicht zuletzt will die IG Metall die Politik
für eine bessere digitale Welt gewinnen.
Zu der von der Bundesregierung im August beschlossenen Digitalen Agenda hatte sich die Gewerkschaft bereits geäußert (www.itk-igmetall.de/?nid=1269&q=). Auf der Tagung wiederholte Christiane Benner ihre Forderung: Diese müsse eine „Agenda der Zukunft der Arbeit” werden. Dazu sei es nötig,

  • gute digitale Arbeit sozialrechtlich zu gestalten;
  • die Mitbestimmungsrechte für Betriebsräte zu erweitern;
  • ein angemessenes Arbeitnehmerdatenschutzgesetz auf den Weg zu bringen;
  • neue Regelungen des Datenschutzes, die Persönlichkeitsrechte auch mit technischen Lösungen schützen, durchzusetzen;
  • ein faires Freihandelsabkommen, das gesetzliche Errungenschaften und den Schutz der Beschäftigten gewährleistet, zu erreichen und
  • eine Anti-Stress-Verordnung zu verabschieden.

Angesichts dieses gewaltigen Umbruchs – auch wenn die digitale Arbeitswelt bisher noch erst in Konturen sichtbar wird – muss sich auch die IG Metall neu aufstellen. Christiane Benner deutete neue Wege der Kommunikation und Vernetzung mit Betriebsräten und Beschäftigten an sowie neue, zusätzliche Formen kollektiven Drucks.

Ihr Appell an die Tagungsteilnehmer: „Gemeinsam schaffen wir es, aus neuen Wertschöpfungsketten Wertschätzungsketten zu machen!”

Leitlinien der IG Metall für gute digitale Arbeit

Gute Arbeit in der digitalen Welt heißt:

  • Persönlichkeitsschutz und Souveränität für alle Beschäftigten – auch für Clickworker!
  • Es muss Arbeit für alle geben!
  • Alle brauchen gute Bildung und Entwicklungschancen!
  • Faire Regelungen und faire Bezahlung!
  • Über das Produkt hinausdenken!
  • Arbeit und Leben miteinander vereinbaren!

… nachgefragt bei Christiane Benner: Klare Regeln für fairen Ausgleich

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeit der IG Metall und der Betriebsräte?

Christiane Benner: Schon jetzt haben wir es in den Betrieben mit Projektmanagement-Tools und Skill-Datenbanken zur Kontrolle der Beschäftigen zu tun. Die digitale Vernetzung verkürzt Entwicklungszyklen und verändert die Anforderungen an die Leistung. Lean-Office mit dem damit oft verbundenen Dokumentationswahn schränkt den Freiraum für Innovationen zunehmend ein. Mobiles Arbeiten trennt kaum noch zwischen Arbeit und Freizeit und wird häufig nicht richtig bezahlt. Erst recht die ersten Versuche mit Crowdsourcing lassen aufhorchen. Was wir brauchen sind klare Regeln für diese neue digitale Arbeitswelt, damit es zu einem fairen Ausgleich von Interessen kommt.

Wie lässt sich das erreichen?
Wir müssen schon heute faire Standards für die digitale Arbeit definieren, sichern und etablieren – und zwar mit den Beschäftigten zusammen. Gleichzeitig muss es uns gelingen, unsere erfolgreichen Gestaltungsansätze in die neue Arbeitswelt zu übertragen: Mitbestimmung, Tarifverträge, Erfahrungsaustausch und kollektives Handeln – in den Betrieben und bei Tarifbewegungen. Hier ist auch die Politik gefordert. Darüber hinaus ist und bleibt es Aufgabe von Betriebsräten und Gewerkschaften, sicherzustellen, dass geltende Gesetze und Schutzvorschriften zugunsten aller Beschäftigten – und damit auch der Crowd- und Clickworker – durchgesetzt werden.

Was bedeutet das konkret?
Wir brauchen faire Bezahlung – selbstverständlich durch Tarifvertrag – sowie mehr Mitbestimmung. Auch für die Online-Arbeitswelt müssen Leistungskontrolle, Entgeltgestaltung, Arbeitszeit und Gesundheitsschutz gelten. Und wir müssen neue Formen finden, die Beschäftigten zu erreichen, wenn die Werkshallen und Büros leerer werden und die Beschäftigten an unter-
schiedlichen Orten arbeiten.

Wie sieht die Gewerkschaft der Zukunft aus?
Wir werden Betriebsräte dabei unterstützen, für sie bisher ungewohnte Kommunikationskanäle des Unternehmens – wie Intranet und Haus-Blogs – stärker zu nutzen und vielleicht auch Privatinitiativen für eigene Communities zu betrieblichen Themen zu fördern. Wir müssen zusammen mit Solo-Selbstständigen und Crowdworkern Strukturen schaffen, um den Einzelnen Stimme und Marktmacht zu geben – national wie international. Sie brauchen geeignete Plattformen, um sich über ihre Arbeitswelt auszutauschen und diese zu verbessern. Wir müssen mit den Beschäftigten in Engineering- und ITK-Bereichen über unsere Ideen für eine humane digitale Arbeitswelt sprechen – nicht nur in den Betrieben, sondern bereits im Vorfeld – im Studium, an den Fachschulen und Hochschulen. Aber klar ist auch, dass sie sich stärker gewerkschaftlich organisieren müssen, wenn sie wirksam gestalten wollen.

Bilder

  • Christiane