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Branchenpolitische Konferenz der IG Metall und FES in Bratislava: ITK-Netzwerk stärkt Solidarität

01.03.2015 | Auf Einladung der IG Metall, der Friedrich Ebert Stiftung, des Gewerkschaftsbundes IndustriAll und der slowakischen Gewerkschaft OZ Kovo trafen sich vom 12. bis 14. November 2014 rund 50 Gewerkschafts- und betriebliche Interessenvertreter aus zwölf Ländern von Atos, Hewlett Packard (HP) und SAP in Bratislava. Die Konferenz knüpfte an die internationale Branchentagung in Sofia im vergangenen Jahr an, an der ausschließlich Kolleginnen und Kollegen von HP teilgenommen hatten. Jetzt ging es darum, den Kontakt untereinander zu intensivieren und ein branchenweites internationales IT-Netzwerk auf europäischer Ebene voranzubringen. Ziel ist es, gemeinsam gegen gesetzliche oder vom Arbeitgeber verordnete Beschränkungen gewerkschaftlicher Interessenvertretungsarbeit vorzugehen und zu verhindern, dass die Unternehmen einzelne Standorte gegeneinander ausspielen.

Bratislava 2014

Im Mittelpunkt der Konferenz stand das Thema „Globale ITK-Wertschöpfung und Off-shoring in Europa“, das Tobias Kämpf, Sozialwissenschaftler am Institut für wissenschaftliche Forschung e.V. (IFS) München mit seinem Impulsvortrag inhaltlich einleitete. Er beschrieb die ITK-Industrie als Vorreiter einer neuen Phase der Internationalisierung, bei der seit 2002 zunehmend auch qualifizierte Dienstleistungen rund um den Globus verlagert und arbeitsteilig bewältigt werden. Die neuen I&K-Technologien – so Kämpf – ermöglichten es den Unternehmen, weltweite „Informationsräume“ schaffen, in denen Produkte und Dienstleistungen von Arbeitnehmern unabhängig von Zeit und Raum sowie in wachsender Konkurrenz untereinander gefertigt beziehungsweise erbracht würden.

Veränderte Arbeitskultur
„Diese Entwicklung gefährdet nicht nur tausende von Arbeitsplätzen. Sie verändert auch die Arbeitskultur“, berichtete Kämpf. „Die Beschäftigten befinden sich in ständigen Bewährungsprozessen, müssen ihre digitale Kompetenz fortwährend nachweisen und auf dem neuesten Stand halten. Sie verlieren immer mehr an Autonomie und Wertschätzung in der Arbeit.“ An zwei Beispielen – einem „shared service center“ in Indien und dem globalen Vertriebsmodell eines indischen ITK-Unternehmens – erläuterte er, wie sich diese neue Phase der Internationalisierung vor Ort auswirkt. Für die Zukunft sei es wichtig, Kriterien für eine nachhaltige Globalisierung zu entwickeln, um die Arbeit wieder verstärkt an dem Menschen und seinen Bedürfnissen auszurichten.

Kostenbasierter Wettbewerb
Koen Dries von der Gewerkschaft LBC-NVK in Belgien warf ebenfalls einen kritischen Blick auf die Entwicklung der ITK-Branche von den 1980-er Jahren bis heute. Leistete sich die Branche in den Anfängen noch beispielhafte Arbeitsbedingungen und galten die Mitarbeiter und ihr Wissen noch als höchstes Gut im Unternehmen, änderte sich diese Sicht mit der wachsenden internationalen Verbreitung der ITK-Technologien. In die Unternehmen zog ein harter kostenbasierter Wettbewerb ein. Offshoring gewann für die ITK-Unternehmen an Bedeutung. Hinzu kamen neue Steuerungs- und Personalentwicklungsmodelle, die den Menschen vor allem als Ressource begreifen.

Gemeinsame Perspektiven
In länder- und unternehmensübergreifenden Arbeitsgruppen hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich eingehender mit den Ausführungen der Referenten auseinanderzusetzen. Es ging auch darum, gemeinsame Herausforderungen zu benennen, Ausblicke zu wagen und Perspektiven zu entwickeln.
Für die Atos-Kolleginnen und -Kollegen stand am Ende fest, dass sie ihrem Management verstärkt Druck machen wollen, um über mögliche Auslagerungen frühzeitig informiert zu werden. Sie streben eine Vereinbarung (Charta) an, um Offshoring zu begrenzen.

Die größtenteils deutschen Interessenvertreter von SAP nahmen sich zum Schluss der Konferenz vor, den Kontakt mit anderen SAP-Betriebsräten künftig verstärkt zu suchen und zu intensivieren. Sie planen, ein weltweites Interessenvertretungsgremium einzurichten, zu dem dann auch SAP-Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter aus Nicht-EU-Ländern Zugang hätten.

Auch die HP-Kolleginnen und Kollegen hatten sich zuletzt darauf verständigt, den Informationsaustausch untereinander zu verbessern. Zwar sind sie schon relativ gut vernetzt. Ihre Idee aber ist, eine eigene Webseite einzurichten, um den Informa­tionsfluss zu verbreitern und zu vertiefen.

Harry Mucica, Timisoara, Rumänien

„Wir haben hier bei Atos vergleichsweise gute Arbeitsbedingungen und nehmen bei den Entgelten in Rumänien statistisch immerhin den 5. Platz ein. Ein neues Gesetz sieht vor, dass alle neu zu besetzenden Stellen zuerst intern veröffentlicht und ausgeschrieben werden müssen. Das gibt unseren Kolleginnen und Kollegen bessere Chancen, beruflich aufzusteigen. Überhaupt haben wir im Betrieb schon
einiges verbessern können – auch wenn es manchmal harte Arbeit ist und man viel Geduld haben muss. Auf der Tagung haben mich am meisten die Berichte der Kolleginnen und Kollegen aus Westeuropa bewegt, welche Folgen Off­shoring und die
damit verbundenen Restrukturierungen für die Beschäftigten dort haben. Ich befürchte, dass wir auch in Rumänien früher oder später eine ähnliche Situation haben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns stärker gegenseitig informieren und uns über beispielhafte Aktionen in anderen Ländern austauschen.“

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