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digit-DL-Konferenz am 5. Dezember 2014 in München: Tsunami an den Arbeitsmärkten?

01.03.2015 | Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft stellt sich die Frage, wie die Arbeit der Zukunft aussieht. Auf Einladung des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München machten sich Wissenschaftler und Experten des Projekts „digit-DL“ – an dem auch die IG Metall beteiligt ist – ein Bild darüber, wie die Unternehmen sich heute bereits auf die neuen digitalen Herausforderungen vorbereiten. Zur Diskussion gestellt wurden einzelne Dienstleistungskonzepte – mit teilweise weitreichenden Folgen für die Arbeitsmärkte.

Digit DL

Die Digitalisierung erfasst heute fast alle Bereiche der Arbeits- und Lebenswelt. Auf ihrer Basis entwickeln viele Unternehmen bereits neue Geschäftsprozesse. Mangelware sind allerdings noch immer nachhaltige Konzepte in Politik und Wirtschaft, um die neuen digitalen Herausforderungen zu bewältigen, betonte Andreas Boes, Leiter des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und unter anderem von der IG Metall mitgetragenen Projekts „Digitale Dienstleistung in modernen Wertschöpfungssystemen“ – kurz: digit-DL. Wesentlicher Grund dafür seien „alte Denkmuster“, aus denen heraus die digitale Gesellschaft des 21. Jahrhunderts betrachtet werde. „Wir müssen die Digitalisierung aus ihrer technizistischen Verengung befreien!“, setzte er dagegen. Es gelte, die neuen „Informationsräume“, die die Digitalisierung schaffe, als „soziale Handlungsräume“ zu begreifen und die „alte Welt“ der Prozesse und programmierten Informationssysteme in die „neue Welt“ des offenen Informationsraums zu übersetzen. Neuartige Produktionsmodelle auf der Basis von Industrie 4.0, Factory-Ansätzen, Lean-Prinzipien, agilen Methoden und internetbasierten Innovationsplattformen sollten mit neuartigen Formen der Kollaboration, Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen zusammengebracht werden. Ziel müsse es sein, Informationen für „gesellschaftliche Wohlfahrt“ zu nutzen.

Christian Gengenbach, Vice President R&D bei der Software AG, zeigte am Beispiel der Arbeit von Softwareentwicklern, wie weit diese neuen Arbeitsformen bereits Eingang in die unternehmerische Praxis gefunden haben. Die Zukunft sieht er in konsequent kundenorientierten Unternehmen. „Unsere Arbeits- und Denkmethodik muss sich ändern“, hob er hervor. „Flexibilität und kundennahes Denken werden zur Pflicht.“ Vor allem Methoden des Design Thinkings seien vielversprechend, um Softwareentwickler schnell zu kreativen und kundenorienterten Lösungen zu bringen.

Innovationen statt Reformstarre
Die „Welle surfen“ oder „dem Tsunami davon rennen“? – auf diese Frage spitzte Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, sein Impulsreferat zu. Mit „Tsunami“ meint er die radikalen Umbrüche auf den Arbeitsmärkten als Folge der fortschreitenden Computerisierung der Berufe. Sattelberger beschrieb den Druck, der auf der deutschen Wirtschaft lastet, um sich den Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen. Statt Reformstarre plädiert er für soziale Innovationen, insbesondere neue Personal- und Organisationskonzepte sowie digitale und personale Bildungskonzepte. Das „Nadelöhr“ sieht er darin, eine menschen- und innovationsfreundliche Führungs-, Arbeits- und Unternehmenskultur auf den Weg zu bringen.

Doch wie will man die Menschen für eine solche organisatorische, arbeitswirtschaftliche und kulturelle Transformation der Unternehmen in der digitalen Ära gewinnen? Hans-Jürgen Kallmeier, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats T-Systems International sieht in der Mitbestimmung den entscheidenden Schlüssel, diese Herausforderung zu bewältigen. Vor allem auf die Betriebsräte kämen dabei neue Aufgaben zu. Das betreffe nicht nur ihre Rolle im Zusammenhang mit neuen Community-Ansätzen in Unternehmen. Wichtig sei auch, angemessene Qualifikationen der Beschäftigten und neue Arbeitsformen einzufordern. Notwendig seien überdies Leitplanken, um den geforderten Wandel in seiner Komplexität nachhaltig mitzugestalten.

Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, forderte einen stärkeren rechtlichen Rahmen für digitale Arbeit, insbesondere für Crowdsourcing. „In einer guten Arbeitswelt 4.0 herrscht Machtsymmetrie zwischen Auftraggeber und Crowdworker. Daher brauchen wir Reputationssysteme auf beiden Seiten.“ Ziel der Gewerkschaft sei gute digitale Arbeit, die den Beschäftigten nachhaltige berufliche Chancen sowie mehr Mitsprache und Beteiligung einräume. Es gehe darum, eine Art „Crowd-Protection-Law“ mit klaren Regelungen zur Vergütung, sozialen Absicherung und zum Arbeitsschutz auf den Weg zu bringen. „Gute digitale Arbeit ist möglich“, zeigte sich Christiane Benner überzeugt, „aber nur, wenn wir sie gestalten.“

Zitate:

„Wir werden möglicherweise einen Tsunami an den Arbeitsmärkten bekommen, von dem vor allem die Bereiche Büro und Verwaltung, Landwirtschaft und Konstruktion, Produktion und Logistik betroffen sein werden. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Berufsbilder. Deshalb brauchen wir eine Personalplanung für Deutschland.“
Thomas Sattelberger, Botschafter der Initiative „Neue Qualität der Arbeit“ und ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG

„Wir dürfen die digitale Zukunft nicht länger dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Ich will eine Straßenverkehrsregel im Internet. Eine Regulierung durch den Staat ist nötig.“
Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall

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