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Interview mit Prof. Dr. Ulrich Dolata über die Macht der Internetkonzerne: Zerschlagen führt nicht weiter

01.03.2015 | Das dezentrale, demokratische Internet ist eine schöne Utopie der Vergangenheit. Mit der heutigen Wirklichkeit hat sie nichts mehr zu tun. Das Internet wird von wenigen Konzernen monopolartig beherrscht. Und diese dehnen ihre Macht immer weiter aus. Sie zu zerschlagen, um sie besser kontrollieren zu können, führt aber nicht weiter, sagt Ulrich Dolata, Professor an der Universität Stuttgart. Es gibt andere Wege, ihre Macht einzudämmen.

Prof. Dr. Ulrich Dolata

Sie haben die Macht der Internetkonzerne eingehend untersucht. Wie konnte es zu dieser Marktkonzentration im Netz kommen?
Ob Google, Facebook, Amazon, Microsoft oder Apple – der Beginn ist eigentlich immer gleich: Vergleichsweise kleine Start-Ups ringen um Einfluss, besetzen eine Marktnische, überflügeln ihre Konkurrenten. Und dann kommt es relativ schnell zu einer Marktkonzentration, die sich auf sogenannte Netzwerkeffekte und auf verfügbare ökonomische Ressourcen zurückführen lässt.

Was passiert da genau?
Bei Facebook oder Twitter konnte man das gut nachverfolgen: Ihre Angebote wurden zunächst von einem kleinen Kreis von Usern wahrgenommen und dann wellenförmig immer größeren Kreisen zugänglich. Ab einer bestimmten Größe stellte sich dann ein Schwarmverhalten ein: Durch das gleichgerichtete Verhalten der User bildeten sich in dem vermeintlich egalitären und dezentralen Netz konzentrierte Orte der Kommunikation heraus. Plötzlich wollten alle dahin, wo die Musik gespielt wird. Es kam zu kumulativen Effekten, die die Konzentration vorantrieben. Und was die ökonomischen Ressourcen angeht, haben wir es bei Google und Co. mittlerweile mit hoch profitablen Konzernen zu tun, deren Börsenwerte und liquide Mittel heute mehr als beachtlich sind. Sie kaufen inzwischen nicht nur alles auf, was sich ihnen in den Weg stellt oder wodurch sie sich erweitern können. Sie haben darüber hinaus auch gigantische Mittel, die sie in die Forschung und Entwicklung investieren, um sich weiterzuentwickeln.

Worin zeigt sich ihre Macht?
Die großen Internetkonzerne haben mittlerweile auf den wichtigsten Internetmärkten eine monopolartige Stellung erreicht. 90 Prozent der Suchanfragen laufen heute über Google. Im Social Network-Bereich ist Facebook der Platzhirsch, im Handel ist es Amazon. Inzwischen zielen aber alle Konzerne darauf, verschiedene Dienste zu integrieren und zu großen technischen Ökosystemen zu verknüpfen. Ein Beispiel: Google Mail, Google Maps, das Social Network Google+ und ein eigener Google AppStore. Alle wollen ihre Nutzer immer umfassender in ihre Ökosysteme reinziehen und können so ihre ökonomische Macht zusätzlich stärken. Überdies besitzen sie mittlerweile eine enorme infrastrukturelle und regelsetzende Macht. Im Internet läuft heute fast alles über die Plattformen einer Handvoll Konzerne, die sowohl Hersteller als auch Anbieter dieser
Netzinfrastruktur sind. Und nicht zuletzt haben sie die Macht über die Daten, die sie sammeln, auswerten und weiterverarbeiten zu Nutzerprofilen usw. Wir haben es hier mit einer ausgedehnten „Landnahme“ von privaten Konzernen zu tun, die sich demokratischer Kontrolle weitgehend entzieht.

Wie lässt sich diese Macht eindämmen?
Die radikale Lösung, Google und Co. zu zerschlagen, ist schwierig. Auch wenn die Internetmärkte hoch konzentriert sind, sind sie gleichzeitig enorm volatil. Sie sind nicht festgefügt, sondern flüchtig. Sie bewegen sich sehr schnell und sind durch das Schwarmverhalten der Nutzer enorm angreifbar. Ein Monopolist von heute kann morgen schon wieder weg sein vom Markt. Zudem handelt sich bei ihnen nicht um klassische Monopole, bei denen die Nutzer keine Alternative haben.

Was bleibt zu tun?
Um ihre Macht zu begrenzen, lässt sich Einiges machen: Mit Hilfe des Wettbewerbsrechts könnten große Akquisitionen rigider geprüft und marktbeherrschende Konzentrationen gegebenenfalls gestoppt werden. Bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen könnte darauf hingewirkt werden, dass nicht immer mehr Rechte des Users an die Unternehmen übertragen werden. Beim Datenschutz wären mehr Transparenz und stärkere Kontrollen bezüglich der Speicherung und Weitergabe von Daten denkbar. Bei den Voreinstellungen müsste geregelt werden, dass diese konsequent zugunsten des Schutzes der Privatsphäre des Users vorgenommen werden. Auch sollte der Wechsel zwischen verschiedenen Ökosystemen erleichtert werden, um monopolistische Strukturen einzudämmen. Außerdem gehört die Novellierung des europäischen Datenschutzes im Sinne der Verbraucher auf die Tagesordnung. Vorerst kann ich den Nutzern nur empfehlen, ihre Internetaktivitäten nicht auf einen Anbieter zu konzentrieren, sondern auf verschiedene zu verteilen.

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