ITK-Sektor

Mitbestimmung

ITK-Sektor - Mitbestimmung / Betrieb & Praxis - SAP

Round table-Gespräch mit SAP-Betriebsräten in Walldorf: Kompetenz und Wirkungsmacht erweitern

14.03.2016 | Nach zehn Jahren Betriebsratsarbeit ziehen vier Betriebsräte der „ersten Stunde“, die gleichzeitig Vertreter verschiedener Betriebsratslisten sind, eine kurze Bilanz ihrer Tätigkeit und wagen einen Ausblick auf die Zukunft des Konzerns: Klaus Merx, Betriebsratsvorsitzender SAP SE (Liste „Mit Wirkung“), Johannes Reich (Liste „Pro Mitbestimmung“), Kurt Reiner (Liste „Wir für dich“), Christa Vergien-Knopf (Liste MUT – Menschenverstand, Unternehmenskultur, Transparenz).

Round Table SAP

IT-Magazin: Was war der Anlass, 2006 erstmals bei SAP einen Betriebsrat zu gründen?

Johannes Reich: Einen konkreten Anlass gab es nicht, außer der Tatsache, dass in vielen Unternehmen turnusmäßig Betriebsratswahlen abgehalten wurden. Meine Kollegen und ich aus dem gewerkschaftlichen Umfeld waren der Ansicht: SAP als größtes Softwareunternehmen Deutschlands muss mit dabei sein! Außerdem fanden wir die damals im SAP-Aufsichtsrat praktizierte Arbeitnehmerbeteiligung sehr unzureichend. Wir beobachteten einen schleichenden Verfall der Beteiligungskultur. Dem wollten wir entgegenwirken.
Klaus Merx: 1994 hat es schon mal eine Initiative aus der Belegschaft gegeben, diese stärker in Entscheidungen des Unternehmens einzubinden. Doch nur zwanzig Prozent der Beschäftigten wollten einen Betriebsrat haben. Die meisten betrachteten die Institution als etwas Schlimmes – als ein fremdbestimmtes Organ, das einen bevormundet und wo sich Leute tummeln, die sich vor der Arbeit drücken. Erst 2006 wurde der Betriebsrat gerichtlich gegen heftige Widerstände – auch aus der Belegschaft – durchgesetzt.
Christa Vergien-Knopf: Ich war lange Zeit eine Betriebsratsgegnerin. Aber 2005, als sich der Managementstil bei SAP spürbar änderte – Stichwort „Amerikanisierung“ –, war ich zunehmend davon überzeugt, dass wir einen Betriebsrat brauchen. Deshalb sage ich: Toll, dass ihr von der Gruppe „ProBetriebsrat“ das damals gewagt habt! Es war zum richtigen Zeitpunkt. Wir hatten eine Amtsperiode Zeit, um „Betriebsrat“ zu üben, unsere Rolle zu finden, Themen aufzugreifen und die Arbeit vernünftig zu organisieren. Danach ging es dann schon richtig los. Wäre der Betriebsrat zu einem späteren Zeitpunkt zustande gekommen, hätten wir entscheidende Entwicklungen nicht mitgestalten oder – wie beispielsweise die fortgesetzte Amerikanisierung der Führungskultur – abbremsen können.
Kurt Reiner: Der Betriebsrat hat in den vergangenen zehn Jahren deutlich an Akzeptanz und Glaubwürdigkeit unter den Beschäftigten gewonnen, wenn auch das Desinteresse nach wie vor hoch ist. Die Wahlergebnisse waren zwar nicht überwältigend, daran müssen wir weiter arbeiten. Aber sie haben es uns ermöglicht, einiges im Interesse der Beschäftigten voranzubringen, was sonst untergegangen wäre.

*Könnt ihr Meilensteine der Betriebsrats-
arbeit benennen?*

Johannes Reich: Das mit Abstand wichtigste Thema der Beschäftigten war und ist: Geld. In diesem Punkt haben wir – unsere Gruppe „ProMitbestimmung“ – erstmals Transparenz geschaffen, als wir 2007, noch in der „Übungsphase“ des Betriebsrats, das Gehaltssystem offenlegten. Inzwischen hat sich der gesamte Betriebsrat zur Aufgabe gemacht, für gerechtes Entgelt zu streiten und beispielsweise das Budget für Gehaltserhöhungen auf alle Beschäftigten zu verteilen. Erst als es einen Betriebsrat gab, fing der Arbeitgeber an, das Gehaltssystem wieder zu bewegen. Und erst ab dem Zeitpunkt gab es eine – wenn auch nur geringe – Mindesterhöhung. Vielleicht bekommen wir ja irgendwann sogar noch einen Tarifertrag hin!
Christa Vergien-Knopf: Eng mit der Gehaltsfrage verknüpft ist das Thema „Wertschätzung“ und die Kultur des Miteinanderumgehens. Dabei haben wir es geschafft, uns in einigen Punkten – wie dem zunehmend amerikanischen Managementstil – zu widersetzen. Dieser setzt unter anderem auf Motivation durch hohe monetäre Anreize für den Einzelnen und damit auf Konkurrenz. Für uns gilt jedoch nach wie vor – auch bei leistungsorientierter Bezahlung – der Grundsatz, dass Erfolg eher eine Teamleistung ist und deshalb möglichst viel Geld für alle da sein muss.
Klaus Merx: Wichtige Bewährungsproben haben wir bei den vergangenen Reorganisationen bestanden. 2014 beispielsweise haben wir die Kolleginnen und Kollegen unterstützt, die sich das Management aus einzelnen Abteilungen herausgepickt hat, um deren Arbeitsplatz mit vermeintlich innovativeren und jüngeren Mitarbeitern zu besetzen. Es wurden darauf hin keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. 2015 hat das Unternehmen lieber auf ein Freiwilligen-Programm gesetzt. Dabei stand gleich von vornherein fest, dass niemand betriebsbedingt gekündigt wird. Auch unsere IT-Rahmenvereinbarung zur Regelung hunderter IT-Systeme kann sich in der Branche sehen lassen.

Welche Themen bewegen euch aktuell?

Klaus Merx: Leider klagen viele Kollegen darüber, dass sie bei SAP immer weniger bewegen können. Die Vorgaben sind enger geworden, Handlungsspielräume werden eingeengt, vorhandene Kompetenzen für Innovationen nicht abgefragt. Das schlägt auf die Motivation der Leute. Wie lange kann sich SAP dies in einem so innovativen Umfeld wie der Softwarebranche noch leisten? Anders gefragt: Wie sichern wir mittelfristig mit hoher Ingenieurskunst und motivierten Beschäftigten die Zukunftsfähigkeit von SAP und damit den Softwarestandort Deutschland? Wie können wir gewährleisten, dass es sich lohnt, auch in fünf bis zehn Jahren noch Software in Deutschland zu produzieren? Hier erhoffe ich übrigens von den Gewerkschaften einige wichtige Impulse.
Johannes Reich: Wir stehen tatsächlich vor riesigen Umwälzungen: die Transformation in die Cloud, der jetzige Vorstandsvorsitzende Hasso Plattner ist nicht mehr der Jüngste, die schleichende Amerikanisierung der Führungskultur, um nur einige zu nennen. Das alles berührt unser Selbstverständnis als Betriebsrat und die Art und Weise, wie wir darauf reagieren wollen.

Wie stellt ihr euch als Betriebsrat auf diese Herausforderungen ein?

Johannes Reich: Wenn es uns als Betriebsrat gelingt, von den Beschäftigten als Garant für die Freiheit des Einzelnen im Unternehmen wahrgenommen zu werden, haben wir gewonnen. Wir müssen erreichen, dass der Freiheitsgrad in der Arbeit nicht kleiner, sondern größer wird. Hierzu benötigen wir die verfasste Mitbestimmung, aber auch kollektive Regelungen bis hin zu einem Tarifvertrag und gewerkschaftlichen Rückhalt. Darin sehe ich eine Riesenchance, um unsere Kompetenz und Wirkungsmacht im Unternehmen zu erweitern.
Christa Vergien-Knopf: Ich stelle immer wieder fest, dass wir komplementäre Vorstellungen darüber haben, was und wie wir etwas in unserer Arbeit erreichen wollen. Wir werden die Mitarbeiterinteressen einflussreicher vertreten können, wenn es in Zukunft gelingt, diese stärker zu bündeln und aufeinander zu beziehen, statt sie als Gegensätze zu betrachten. Anstelle von Konkurrenz, die unsere Wirksamkeit beschränkt, könnten wir dadurch viele zusätzliche PS auf die Straße bringen. Ob Tarifvertrag oder nicht: Mir geht es zuerst um die Frage: Was braucht es, um SAP langfristig erfolgreich zu erhalten, um weiterhin hierzulande attraktive Arbeitsplätze bieten zu können?
Kurt Reiner: Unser Betriebsrat muss zu den Mitarbeitern passen und nicht der Außenwelt gefallen. Daher sollten wir die Probleme der Mitarbeiter bei SAP möglichst ideologiefrei lösen. Wenn wir überdies im Betriebsrat konstruktiv zusammenarbeiteten und interne Streitereien einstellten, könnten wir kraftvoller auftreten und auch Zukunftsthemen wie etwa die „Digitalisierung der Arbeitswelt“ mitgestalten.
Klaus Merx: Mir ist wichtig, eine vernünftige Interessenvertretung zu organisieren, die noch wirkungsmächtiger werden kann. Dazu brauche ich alle Beteiligten, sowohl die gewerkschaftlichen Gruppen als auch die unabhängigen Kollegen, die stark vernetzt sind, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und den Europäischen Betriebsrat. Diese Zusammenarbeit gilt es, zu stärken und weniger Energie auf unsere internen Konflikte zu verwenden. Wir müssen den Sachverstand in der Firma mehr für unsere Sache mobilisieren, die Beschäftigten stärker beteiligen und von ihnen Feedback abfordern. Wir müssen Prioritäten setzen, abwägen, worauf wir uns konzentrieren wollen, um so stärker strategisch handeln zu können. Auch wenn wir weiterhin von Veränderungen, Reorganisationen und den Erwartungen im Unternehmen getrieben sein werden: Wir sind gefordert, mehr Zeit zu investieren, um Initiativen zu ergreifen, Dinge voranzutreiben und mitzugestalten statt nur zu reagieren. Ich möchte gerne meiner Tochter sagen können: Bewirb’ dich bei SAP – das ist ein gutes Unternehmen!

Allein die Existenz des Betriebsrats hat viel verändert

»So wie die Gründung 2006 gelaufen ist, waren wir von Anfang an Außenseiter und hatten eine Art Oppositionsrolle im SAP-Betriebsrat inne. Wir hatten unsere Vorstellungen von guter Betriebsratsarbeit, wussten aber auch, dass es schwer sein wird, diese umzusetzen. Wir konzentrierten uns auf die Öffentlichkeitsarbeit. Es war vielleicht ein bisschen naiv zu glauben, darüber Mehrheiten zu bekommen. Auf der anderen Seite stärkten wir dadurch unseren Einfluss. Heute gehört der Betriebsrat bei SAP zum Alltag. Sein Einfluss ist allerdings begrenzt. Immerhin konnten zweimal Abbauprogramme verhindert werden: während der Wirtschaftskrise 2009 und im Jahr 2014. Insofern hat die Existenz des Betriebsrats schon Einiges geändert. Problematisch ist die politische Zersplitterung. Mehrere Listen sind in der Branche nicht unüblich, wir haben aber deutlich zu viele. Das schwächt die Schlagkraft des Gremiums. Nach der letzten Wahl haben wir versucht, eine „große Koalition“ zu schmieden, um der Zersplitterung entgegenzuwirken. Das hat leider nicht geklappt. Vielleicht sind die Ansichten noch zu unterschiedlich. Wir alle müssen uns aber überlegen, wie wir mehr Interesse in der Belegschaft und mehr Beschäftigte für unsere Arbeit gewinnen können, um auch politisch etwas zu bewegen. Für uns sind die beiden wichtigsten Punkte: mehr Gerechtigkeit beim Entgelt und verstärkt der zunehmenden Arbeitsbelastung begegnen.«
Eberhard Schick, SAP-Betriebsratsmitglied, Liste „Pro Mitbestimmung“

Zehn Jahre Betriebsrat bei SAP

Bilder