ITK-Sektor

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Chancen und Risiken: Digitalisierung gestalten

18.03.2014 | Big Data, Cloud, Social Business, Mobile first – die Leitthemen der CeBIT 2014 sorgen im ITK-Sektor für Hochstimmung. Viele Unternehmen versprechen sich von den neuen Technologien gute Umsätze und Gewinne. Aber die fortschreitende Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft enthält für viele Branchen auch Brüche und Risiken.

Menschen im Gespräch (HP)

Es gibt kaum einen Bereich in Wirtschaft und Gesellschaft, in dem Informations- und Telekommunikationstechnologien (ITK) nicht Einzug gehalten haben. Ihre Bedeutung für die Wirtschaft ist schon jetzt enorm. ITK-Technologien treiben und ermöglichen Entwicklungen und führen in allen Branchen zu gewaltigen Produktivitätssprüngen.

„Datengold“
Nun steht die nächste Stufe an: Nahezu alle Vorgänge – in Unternehmen, bei Behörden, beim Arzt oder beim Einkauf, in der Freizeit und im privaten Bereich – sollen möglichst digital erfasst, abgewickelt und dokumentiert werden. Jedes Ding und jeder Prozess erhält einen digitalen Schatten, eine digitale Kopie. Möglich wird dies durch die steigende Leistungsfähigkeit der ITK-Netze und -Technologien bei sinkenden Kosten, die wiederum durch ständige Innovationen vorangetrieben wird. Im Ergebnis entstehen unermessliche Mengen an Daten. Nach Schätzungen von Experten soll allein in 2012 ein Datenvolumen von 2,8 Mrd. Terrabyte erzeugt worden sein. Und es verdoppelt sich, Studien zufolge, inzwischen alle zwei Jahre.

Neue Technologien wie Big Data Analytics oder Business Intelligence sollen die Datenmengen beherrschbar und besser nutzbar zu machen. Das Wort vom „Datengold“ macht die Runde. Big Data gilt als Turbo für Unternehmen, um die Effizienz zu steigern, neue Geschäftsideen zu entwickeln und sich neue Märkte zu erschließen. Damit können enorme Mengen an Informationen aus unterschiedlichsten Quellen immer schneller miteinander verknüpft werden. Ganze Unternehmen, soziale Ereignisse, Konsumgewohnheiten und menschliche Bedürfnisse werden mittlerweile digitalisiert und mit anderen Informationen vernetzt. Die erzeugten Daten und digitalen Abbildungen werden dann selbst wieder zum Rohstoff, etwa zum Werkzeug, mit dem beispielsweise Arbeits-, Entwicklungs- und Herstellungsprozesse noch gezielter gesteuert und optimiert werden können. Es ist nun möglich, Arbeitsabläufe im Unternehmen zentral zu strukturieren und zu kontrollieren und gleichzeitig dezentral zu erledigen. Der Produktionsprozess kann weltweit und in Realzeit dokumentiert werden.

Umbruch in der ITK-Branche – Risiken für die Beschäftigten
Die ITK-Branche hat in der Vergangenheit von der fortschreitenden Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft besonders profitiert. Nun aber werden wichtige Entwicklungsschritte der IT- und TK-Technologien in die verarbeitende Industrie integriert. Unternehmen wie VW oder Bosch beschäftigten mittlerweile mehr IT-Experten/-innen als viele mittelständische ITK-Unternehmen.
Diese Entwicklung stellt die Branche vor die Frage, welche Rolle sie zukünftig in wichtigen technologischen Feldern spielen wird und ob sie ihre Führungsrolle gegenüber anderen Branchen bei digitalen Innovationen festigen kann. Fest steht, dass ihr dies nur in engem Kontakt mit produzierenden Unternehmen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, Behörden und Verwaltungen gelingen wird. Ihr Zukunftsmarkt liegt vor allem in IT-Dienstleistungen für andere Industrien. Die ITK-Branche wird sich daher zwangsläufig stärker anwendungsorientiert als Technologie- und Knowhow-Zulieferer entwickeln.

Dieser strukturelle Umbruch birgt allerdings hohe Risiken für Unternehmen und Arbeitsplätze. Außerdem steht die Branche seit Jahren unter einem hohen Preisdruck bei Produkten und Dienstleistungen. Für viele ITK-Unternehmen steht daher die Verlagerung von Tätigkeiten in Niedriglohnländer weiterhin auf der Tagesordnung. Und in den großen Unternehmen häufen sich bereits Meldungen über geplanten Stellenabbau. Dieser konnte in den vergangenen Jahren oftmals durch das hohe Wachstum aufgefangen werden. Aber durch die nun erwarteten hohen Produktivitätssprünge wird der schleichende Arbeitsplatzabbau weitergehen.
Die Folgen dieser Entwicklung könnten die ITK-Beschäftigten hart treffen: wachsender Leistungsdruck, zunehmender Stress bis hin zu Jobverlust. Es ist damit zu rechnen, dass Tätigkeiten nicht nur verstärkt ins güns­tigere Ausland sondern auch in die Internet-Crowd verlagert werden. Gleichzeitig wird von den ITKlern verlangt, dass sie sich an den Veränderungen und der technolo­-gischen Entwicklung der Unternehmen aktiv beteiligen.

Gute digitale Arbeit entwickeln und mitgestalten
Ob Datensicherheit und Verhaltenskontrolle, persönliche Schutzrechte, Arbeitsorganisation oder Qualifikation: Der technologische und wirtschaftliche Wandel wirft für ITK-Beschäftigte eine Vielzahl von Fragen auf. Umso dringlicher ist es, diese Entwicklung im Sinne „guter digitaler Arbeit“, wie sie die IG Metall gegenwärtig zur Diskussion stellt (siehe Seite 4), mitzugestalten.

… nachgefragt bei Christiane Benner

Wir brauchen gute digitale Arbeit!

Das Motto der CeBIT ist „Datability“ – ein Kunstwort, das sich aus den Begriffen Data, ability, sustainability und responsibility zusammensetzt. Welche Chancen und Gefahren sieht die IG Metall in dieser Entwicklung?
Christiane Benner: Deutschland steht vor der Notwendigkeit, die Potenziale der fortschreitenden Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft auszuschöpfen. Daraus ergeben sich neue Beschäftigungs- und nachhaltige Wachstumschancen. Die starken industriellen Kerne, die Kapazitäten von Forschung und Entwicklung sowie industrielle Dienstleistungen können enger miteinander verzahnt werden. Diese Entwicklung wird enorme Produktivitätssprünge in nahezu allen Wirtschaftszweigen auslösen. Klar ist aber auch, dass sie weit reichende Veränderungen in der Arbeitswelt bewirken wird. Diese dürfen sich nicht nur am technisch Machbaren orientieren. Wir benötigen ein Leitbild für gute digitale Arbeit.

Was versteht die IG Metall darunter?
Benner: Die Technik muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Die Entwicklung der digitalen Technologien, die Digitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche und der Arbeitsplätze muss an einem demokratischen, humanistischen, emanzipatorischen und ökologischen Leitbild ausgerichtet werden. Sonst droht Big Brother, und die Menschen werden von digitalen Prozessen getrieben. Wir brauchen mehr Forschung mit Blick darauf, wie die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft die Arbeitswelt verändern wird. Und wir benötigen einen intensiven gesellschaft­lichen Dialog darüber.

Was bedeutet dies für die ITK-Beschäftigten?
Benner: Das Leitbild muss „gute digitale Arbeit“ sein. Dazu gehören gute und gesicherte Arbeitsbedingungen, Beschäftigungs­sicherheit und Schutz vor einer Daten-, Sammel- und Verknüpfungsflut. Die Beschäftigten brauchen auch mehr direkte Beteiligungsmöglichkeiten und Mitbestimmung, um die künftige digitale Arbeitswelt mitzugestalten. Überdies ist für uns ein zeitgemäßes und modernes Arbeitnehmer­datenschutzgesetz unverzichtbar, um Persönlichkeitsrechte stärker zu sichern.

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