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ITK-Sektor - Technik, Sicherheit & Umwelt

Interview mit Prof. Dr. Michael Backes über Cybersicherheit: „Wir müssen sicherheitsbewusster werden“

20.03.2017 | Fake News, Social Bots, Cyberangriffe auf Unternehmen und politische Institutionen: Wie bedroht sind Gesellschaft und Demokratie durch die neuen Möglichkeiten des Internets und der fortschreitenden Digitalisierung? Wie können sie sich schützen? Für Prof. Dr. Michael Backes, Direktor des Saarbrücker Forschungszentrums für Cybersicherheit – CISPA – reichen rechtliche und technische Maßnahmen nicht aus, um mehr Cybersicherheit zu gewährleisten. Er setzt vor allem auf eine breit angelegte digitale Erziehung und Bildung der Bevölkerung ab dem Grundschulalter.

Prof. Dr. Michael Backes

IT-Magazin: Die Bundesforschungsministerin Johanna Wanka sprach auf der „Nationalen Konferenz IT-Sicherheitsforschung 2017“ Mitte Februar in München von einer „neuen Qualität der Gefährdung“ der IT-Sicherheit in Deutschland. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Michael Backes: Wir haben es zurzeit mit vielschichtigen Bedrohungen zu tun. Da ist zum einen die Gefahr von Cyberangriffen auf zentrale Rechner, die angesichts des Internets der Dinge, unzähliger mit Sensorik ausgestatteter Alltagsgegenstände und Medizingeräte sowie autonom fahrender Fahrzeuge großen Schaden anrichten können. Zum anderen erkennen wir – insbesondere wenn wir jenseits des Atlantiks schauen –, was Social Bots, also Meinungsroboter, anrichten können, um Fake News zu produzieren. Dies kann an den Grundlagen der Demokratie rütteln. Die immer stärker vernetzte und kompliziertere Welt schafft mehr und größere Angriffsflächen und neue Sicherheitsproblematiken. Aber man muss auch die wachsenden Chancen sehen, diese Risiken minimieren zu können. Die Forschung ist auf einem sehr guten Wege und versucht technologisch Schritt zu halten. Sie hat bisher größere Schäden verhindern können.

Worin sehen sie aktuell die größten Gefahren?
Es beunruhigt mich schon sehr, dass Manipulationen über Medien einen massiven Einfluss auf die Demokratie beziehungsweise kerndemokratische Prozesse haben können. Durch das hohe Maß an digital verfügbaren Daten und die Möglichkeit, Millionen von Menschen in kürzester Zeit zu erreichen, nimmt das Gefährdungspotenzial deutlich zu.

Wie kann sich eine Gesellschaft schützen?
Technische und gesetzliche Maßnahmen allein greifen dabei zu kurz. In der Forschung ist man zwar aktuell dabei, Programme zu entwickeln, um den Wahrheitsgehalt von Aussagen vollautomatisch zu prüfen. Auch das Datenschutzrecht bietet mit der neuen europäischen Datenschutz-Grundverordnung inzwischen viele Möglichkeiten für einen angemessenen Umgang mit digitalen Informationen. Meine große Sorge aber ist, dass selbst wenn ich einen Algorithmus zur Erkennung von Fake News hätte und Betreiber von Internetplattformen gesetzlich dazu zwingen könnte, diese entsprechend zu kennzeichnen, nicht klar ist, ob die Bevölkerung auch glaubt, dass es sich um Falschmeldungen handelt. In den USA beobachten wir, dass es vielen völlig egal ist, was die Wahrheit ist. Sie wollten mit Trump den Wechsel. Sie fühlen sich möglicherweise sogar provoziert, wenn „ihre Wahrheiten“ nicht durchkommen.

Was sollte geschehen?
Wir sind hier in Deutschland in einer besseren Position als in den USA. Wir haben keine so stark polarisierte Gesellschaft und ein besseres Erziehungs- und Bildungssystem. Daran müssen wir ansetzen: Schon im Grundschulalter müssen Kinder verstehen, was eine wahre Information ist, wie man jemanden manipulieren kann, wie man sich eine eigene Meinung bildet und was unabhängige Quellen sind. Digitale Bildung, Computing und auch Medienkritik können nicht früh genug einsetzen. Wir brauchen generell mehr Cybersicherheit, um die wachsenden Bedrohungen der digitalen Zeit zu beherrschen. Nehmen wir das unwahrscheinliche Beispiel, dass jemand deutschlandweit einen Crash von allen selbstfahrenden Autos herbeiführen kann. Ein solcher Angriff könnte ebenfalls demokratische Prozesse grundlegend verändern.

Wo sehen Sie akuten Handlungsbedarf?
In der Interaktion zwischen den Menschen und Maschinen wird Transparenz immer wichtiger. Die Leute müssen nachvollziehen können, woher Informationen, also beispielsweise Nachrichten, kommen und welches Eigeninteresse derjenige verfolgt, der sie verbreitet. Dazu bedarf es technischer Hilfsmittel, aber vor allem Bildung. Was die Cybersicherheit angeht, werden wir einen hundertprozentigen Schutz nicht hinbekommen. Wir müssen aber gut sein, richtig gut, um größere Vorfälle, die dann demokratische Auswirkungen haben könnten, zu verhindern.

Was folgt aus Ihrer Sicht daraus?
Deutsche Unternehmen müssen Datenschutz und -sicherheit als Standortvorteil begreifen. Cybersicherheit ist heute businessentscheidend. Nicht die einzelnen Features, die das selbstfahrende Auto interessant machen könnten, werden künftig verkaufsentscheidend sein, sondern Präzision und Verlässlichkeit und damit die ganze Sicherheitsarchitektur des Autos. Darin liegt für deutsche Unternehmen ein Riesenvorteil. Für dieses Sicherheitsdenken in einer digitalisierten Welt müssen sie ihre Beschäftigten gewinnen: Diese sollten in „Awareness“ geschult, ständig auf den neuesten Stand der Technik gebracht und auf dem Laufenden gehalten werden, was die angewandte Forschung bietet. Der Staat hat mit seiner Forschungsförderung im Bereich Cybersicherheit in den letzten Jahren bereits viel geleistet.

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